Wie der Film „Hair“ aus dem Jahr 1979 heute wirkt
Neubetrachtung mit Aka-Mitglied Rolf Wollner am 27.01.2024

hands„Let the sunshine in“, lass den Sonnenschein herein, ist wohl das bekannteste und optimistischste Lied aus dem Musical „Hair“. Es wird in Deutschland immer mal wieder aufgeführt - 2015 etwa vom Staatstheater Darmstadt - und passt gut in eine Zeit, in der der Pazifismus neu bewertet werden muss. Rolf Wollner (70), seit zehn Jahren Aka-Mitglied, lädt die Cineasten unter den Mitgliedern einmal im Halbjahr ein, sich einen früheren Kinomagneten anzuschauen und ihn aus heutiger Sicht zu bewerten. Diesmal war es „Hair“.

Eins vorweg: Das verfilmte Musical, 1979 geschaffen von dem bekannten US-Regisseur Milos Forman, fasziniert noch immer durch Farbenpracht und Bildersprache. Die Gesellschaftskritik ist allerdings Beiwerk. Zu stark verliebt sich die Kamera in die scheinbar freien, phantasievoll angezogenen, langhaarigen Hippies, die in solidarischer Verbundenheit in den Tag hinein leben (und immer eine frisch gestylte Frisur und schicke Anziehsachen haben). Erst im letzten Film-Fünftel wird im Zeitraffer der blinde militärische Gehorsam und der Krieg gegen Vietnam angeprangert. Der Film begeistert aber immer noch durch die choreographischen Szenen (Choreographie: Ballettmeisterin Twyla Tharp), die 45 Jahre taufrisch überstanden haben. Die Kombination der Beinarbeit einer Tanzgruppe mit den Schrittfolgen von dressierten Polizeipferden in Verbindung zur passenden Musik ist genial.

Worum geht es? Das Stück spielt in den späten 1960er Jahren, als die allgemeine Wehrpflicht in den USA noch nicht abgeschafft war. Das geschah erst 1973. Das brave Landei Claude aus Oklahoma fährt nach New York und lernt dort eine Gruppe Blumenkinder kennen, junge Männer und eine Frau, die nicht weiß, von wem sie schwanger ist. Aber das ist ihr und ihren sexuell unverklemmten Freunden auch nicht so wichtig. Die Männer kiffen und leben in den Tag hinein. Sie haben ihre Einberufungsbefehle verbrannt, womit sie Gefängnisstrafen und gesellschaftliche Ächtung riskieren. Hippie Berger sieht das so: „Die Weißen schicken die Schwarzen in den Krieg gegen die Gelben für das Land, das sie den Roten gestohlen haben.“

Claude will sich seiner staatsbürgerlichen Pflicht nicht entziehen. In der Militärbasis Fort Stuart in Nevada wird er mit Drill zum Soldaten geformt. Die Anarchie der Blumenkinder, die ihm irgendwie doch ziemlich imponiert, steht im unvereinbaren Kontrast zu der hierarchisch gegliederten Ordnung und Befehlsstruktur im Ausbildungscamp. Durch ein Versehen kommt ausgerechnet Kriegsgegner Berger, der lässigste und ideenreichste Hippie, in die Zwangslage, in Vietnam kämpfen zu müssen. Man sieht ihn ins Flugzeug einsteigen. Sein Tod wird dem Zuschauer in Form einer Grabsteininschrift mitgeteilt, und seine Freundesclique, darunter Claude, trauern um ihn auf dem Soldatenfriedhof.

In der Nachbesprechung des durch Opulenz der Ausstattung und Schönheit der Darsteller herausragenden Films – ein Fest fürs Auge - erinnerte Rolf Wollner an die Vorläufer der Hippiebewegung, die ja nicht einfach so vom Himmel gefallen ist. Zu ihnen zählen die Beat-Generation, das Free Speech Movement, die Bürgerrechtsbewegung mit Martin Luther King an der Spitze und die Antikriegsbewegung im Zuge des Vietnamkriegs, der erst 1975 sein Ende fand. Der Film ist außerdem beeinflusst von der Ökologiebewegung, von alternativer Spiritualität – wie Yoga oder Thai Chi – und der damaligen Überzeugung, es sei gut und sinnvoll, das Bewusstsein mit Drogen zu erweitern. Rolf Wollner gestand, dass ihn persönlich immer die Lässigkeit und Leichtigkeit der Hippies imponiert habe.

Petra Neumann-Prystaj

 

 

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