Das Seebad Etretat liegt an der Alabasterküste der Normandie und ist von Darmstadt gut 800 Kilometer entfernt. Helmut Linke, der Ansprechpartner für Kunst bei der Akademie 55plus, und ein Kunstexperte des Museums Städel verschafften kunstinteressierten Aka-Mitglieder beim Besuch der aktuellen Städel-Ausstellung „Claude Monets Küste“ den Eindruck, trotz Außenhitze von kühlender Meeresbrandung umgeben zu sein und Salz auf den Lippen zu spüren.
Monet, der Maler, war zwar das Lockmittel der erfolgreichen Ausstellung. Aber es ging nicht nur um ihn und seine zahlreichen Darstellungen der bizarren Felsenformation von Etretat. Sie besteht aus der freistehenden Aiguille (Felsnadel) und dem Felsentor Porte d‘Aval, einem riesigen Nadelöhr, durch das ein großes Segelschiff bequem passen würde. Vielmehr ging es um die Anziehungskraft dieser Naturwunder auf Maler und Fotografen des 19. Jahrhunderts. Obwohl Etretat heutzutage nur eine halbe Autofahrstunde von Le Havre, dem Geburtsort von Claude Monet, entfernt ist, hat es der Maler erst im Alter von etwa 20 Jahren geschafft, sich diesen faszinierenden Küstenabschnitt anzusehen. Es gab nämlich keine befestigten Straßen, um in das einstmals kleine, ärmliche Fischerdorf zu gelangen. Das bald errichtete einzige Hotel wurde zum Begegnungsort vieler Künstler, die sich dank der um 1840 erfundenen Tubenfarben ihre Motive in der freien Landschaft suchen konnten. Jeder von ihnen hat seine eigene Bildsprache für diesen magischen Ort entwickelt. Gustave Courbet erlebte ihn 1869 bei einem Unwetter und übertrug die Urkraft und Lebensenergie des Meeres auf seine Bilder. Dagegen wirkt Monets Meeresgeplätscher mit schaumgekrönten Mini-Wellen fast schon banal. Allerdings überzeut er mit seiner Darstellung des Naturwunder-Duos Felsnadel und Felsentor. Das war in der Kunstwelt so berühmt, dass Anselm Feuerbach es mit großformatiger Wucht malte, ohne es zu kennen. Dass er von falschen Proportionen ausging, verrät seine Darstellung menschlicher Figuren: Sie müssten wesentlich kleiner sein, als er sie gemalt hat. Auch von Jules Verne blieb eine kleine, gelungene Skizze von Etretat erhalten.
Auf die Maler, die den Ort frankreichweit berühmt gemacht hatten, folgten die reichen Kurgäste. Die Frauen des Dorfes wuschen ihre Wäsche und suchten sich dafür bei Ebbe die Süßwasserquellen im Boden aus. Filmemacher entdeckten den Reiz der Landschaft für eine Serie über Arsène Lupin. Heute ist Etretat hochberühmt und daher hoffnungslos überlaufen. Die im Städel ausgestellten Gemälde und Aufnahmen der ersten Fotografen aber halten für immer fest, wie paradiesisch – und gottverlassen! - der Ort vor hundert Jahren noch war.
Petra Neumann-Prystaj




