Akademie 55plus Darmstadt - Berichte 2020

30 Jahre nach der Wende

Die DDR ist inzwischen bereits Geschichte. In diesen Tagen wird überall an den Mauerfall und die Wende erinnert, so auch bei der Aka. Aus Sicht eines Zeitzeugen berichtet der Referent Karl-Heinz Köhler über die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR.

Zunächst schildert er seine Flucht aus der DDR als Schüler, mit seinen Eltern 1951. Das war keine spektakuläre Flucht, noch ging es über die freie Grenze.

Bis zum Mauerbau 1961 verließen 1,5 Millionen die DDR – und das war vor allem die Oberschicht, es war ein regelrechter Ausverkauf und der Mauerbau war aus Sicht der DDR wirtschaftlich gerechtfertigt. In der Bundesrepublik wurden die Flüchtlinge nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen, sondern durchaus auch mit Misstrauen, teilweise der Spionage verdächtigt. Köhler gibt einen historischen Rückblick auf die Entwicklung der DDR und nennt Meilensteine, die zu dem historischen Ereignis im November 1989 führten: 1953, 1961, 1968… Der Aufschrei der Bevölkerung wurde erst 20 Jahre später von Gorbatschow aufgenommen. Ein Teilnehmer kommentierte: „Wir (im Westen) haben die DDR nicht wahrgenommen“. Auch die Bedeutung der Freiheitsbewegungen in Ost und West spielt in dem kritischen Rückblick eine Rolle.

Nach Meinung des Referenten hat die betonartige SED-Führung Stimmen des demokratischen Sozialismus nicht zur Kenntnis genommen bzw. unterdrückt. Das Geschenk der friedlichen Revolution im November 1989 wurde im Westen nicht mit dem nötigen Respekt behandelt, so die Kritik beim Referenten und den Teilnehmer/-innen. Seit 30 Jahren gehen wir über alles weg, was nicht ins Bild vom glücklich vereinten Land passt: Nostalgie, wirtschaftliche Probleme, den Aufschwung von Links- und Rechtspopulisten. Wir sprechen immer noch von Ost und West. Für viele Menschen war und ist die Wende ein Glück und eine Bereicherung, andere hielten dem Veränderungsdruck nicht stand. Es wurden große Erwartungen geweckt, aber die Erwartungen konnten nicht überall erfüllt werden. Die Menschen in der DDR wollten ihr Land umgestalten.

Der Referent erläutert, dass bei der Staatsbeteiligung für den wirtschaftlichen Aufbau der neuen Bundesländer nicht nur mehr Geld notwendig gewesen wäre. „Raubritter“ aus dem Westen haben „ganz viel menschliches Porzellan zerschlagen“. Nach der Wende kam die Treuhand, wickelte ab und viele Menschen verloren ihren Job. Bestimmte Ressourcen wurden nach Ansicht des Referenten nicht richtig eingeschätzt, das Konstruktive in der DDR wurde zu wenig gesehen. 1989/1990 setzen sich Marktwirtschaft, Demokratie und Grundgesetz endgültig durch. Drei Jahrzehnte Deutsche Einheit - aber der Osten wählt immer noch nicht so, wie der Westen es erwartet. All das wirft viele Fragen auf. Warum wurde die friedliche Revolution nicht fortgeführt? Gibt es einen Grund dafür, dass sich die innerdeutsche Debatte derart im Kreis dreht? Dass die gegenseitigen Vorhaltungen von Ost und West nicht weniger werden - sondern sogar wieder stärker? Negative Erscheinungen werden im Westen entweder als Folgen der DDR-Diktatur ("Der Osten ist selbst schuld") oder als notwendige Anpassungen auf dem Weg zur blühenden Landschaft und Wohlstand ("Der Osten ist undankbar") gesehen.

Köhler stellt die Fragen der Akaler/-innen in den Mittelpunkt und sieht zwei Eckpfeiler, die nach der Wende nicht beachtet wurden: Zum einem ist das der Runde Tisch, der nicht fortgeführt wurde, zum anderen gab es keine Bestrebungen für eine gemeinsame deutsche Verfassung. Die Menschen in der DDR brachten die Mauer zum Einsturz. Das war ihre Leistung. Aber kurz darauf übernahm Bonn die Regie und setzte durch, was es für richtig hielt. Nach dem Mauerfall gab es eine Infas-Umfrage, über die der SPIEGEL berichtete. 42 Prozent der damaligen DDR-Bürger wünschten sich damals eine eigene Verfassung, 38 Prozent eine neue, gesamtdeutsche Verfassung, und gerade einmal neun Prozent wollten das Grundgesetz übernehmen.

Kolonialisierung und Vereinnahmung sind Begriffe, die in den neuen Bundesländern zu hören sind, so die Ergänzungen der Teilnehmer/-innen. Liegt da ein Grund für die Unzufriedenheit und das Erstarken des Rechtsextremismus? Es gab und gibt zu wenig Politiker/-innen, die verbindend tätig sind, viel zu wenige suchen das Gespräch mit den Menschen. Zu wenig ging es in den vergangenen Jahren um die Aufarbeitung der DDR-Diktatur und ihrer Auswirkungen, sowohl im Osten als auch im Westen.
Am Schluss stehen Fragen: Stimmt die Richtung unsere Gesellschaft noch? Wie können unsichtbare Mauern niedergerissen werden? Was können und müssen wir ändern?

Sigrid Geisen