Akademie 55plus Darmstadt - Berichte 2019

Deutschland Stunde Null - Teil  1

Der Begriff „Stunde Null“ ist umstritten. Es gibt Autoren, die den Tag der Kapitulation des Nazi-Regimes (8. Mai 1945), andere die Währungsreformen in Ost und West (1948) oder die Gründung der Bundesrepublik (23. Mai 1949) heranziehen, um den Beginn einer neuen Etappe Deutschlands zu markieren. Angesichts dieser Unklarheit wären Begriffe wie Umbruch oder Wandel vielleicht sinnvoller gewesen, denn ein Volk kann keine Stunde Null haben (Graf von Krockow).

Der AKA-Referent Hans-Rainer Hintner hat sich für den erstgenannten Termin entschieden und den Stoff in zwei Abschnitte aufgeteilt. Mit seiner allerersten Folie mit Bezugsmarken und –Scheinen veranschaulichte er die „kriegsnotwendige“ Rationalisierung bei der Versorgung der Bevölkerung und die damit verbundene Kontrolle. Bezugsmarken für die tägliche Ernährung, wie Brot, Fett, Fleisch oder Eier wurden nämlich mit den in den Wohnungen gemeldeten Personen verglichen, und damit das unerlaubte Wohnen (Judenverstecke) zu unterbinden oder zu erschweren. Auch im Restaurant wurden Lebensmittelkarten verlangt. Trotzdem unterstützten Päckchen aus der Heimat die Versorgungslage an den Fronten. Der Schlager „Es geht alles vorüber …“ wurde in großen Teilen der Bevölkerung anders verstanden als bei den Aufsichtsbehörden des Reichsrundfunks.

Angesichts der sich ausweitenden Fronten (bis nach Nordafrika mit Rommel) verlangten die Alliierten bei ihren Gipfelkonferenzen bedingungslosen Widerstand gegen die Hitlersche Politik und die zunehmende Unmenschlichkeit und Strenge des Krieges. Erst die Winterschlacht um Stalingrad leitete die Kriegswende ein, die das Ende des Krieges und die Zerschlagung des „3. Reiches“ 1945 vorausahnen ließ.  Das (lange Zeit geleugnete) Bekanntwerden von Vernichtung und Unterdrückung Unschuldiger in Arbeits- und Konzentrationslagern kann auch eine der Ursachen für den sich innerhalb Deutschlands regenden Widerstand (Weiße Rose, Offiziersgruppen, Kreisauer Kreis sowie Attentate gegen Hitler) gewesen sein. Viele Berichte und (zu) viele Video- und Filmbilder von grausamen Kriegsereignissen glaubte Herr Hintner einfügen zu müssen, um die historische Entwicklung vor der Stunde Null zu beleuchten. In Deutschland folgen auf 6 Jahre Krieg 5 Jahre Schwarzhandel.

Bereits im Teil 1 des Kurses  klang an, dass die Deutschen nach 1945 große Schwierigkeiten hatten, sich von der autoritären Staatsform und der Ideologie des Nationalsozialismus zu lösen. Wenngleich Aufräumen, Aufbauen und technisches Tun  erfolgreich und beispielgebend gelten, muss man die Entnazifizierung als misslungen beurteilen. Wie hätten sonst Kiesinger, Gerstenmaier und Globke in solche hohen Ämter berufen werden können. Flucht und Vertreibung sowie die territoriale Neugliederung sind die Schwerpunkte von Teil 2.

Walter Schwebel

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