Akademie 55plus Darmstadt - Berichte 2019

Brüssel – die europäische Hauptstadt erleben

Fahrt der Akademie 55plus und der Europäischen Akademie Hessen

Achtunddreißig an Europa Interessierte verbrachten auf Einladung des Europaabgeordneten Dr.Wolf Klinz, MdEP drei spannende und lehrreiche Tage in der europäischen Hauptstadt. Barbara von Saary und Sigrid Geisen leiteten die Reise.

Alles war bestens organisiert und vorbereitet von Leontina Kulko von „Hauptstadtreisen“ in Berlin: ein gut gefülltes, anstrengendes Programm. Wir waren gewarnt, man müsse bei den europäischen Institutionen immer mal mit Änderungen rechnen. Aber nicht nur da!

Schon die Baustellen in Darmstadt machten einen ersten Strich durch die Planung. Wir fuhren am Hauptbahnhof fast eine Stunde später ab. Das alles war aber gar nichts gegenüber den Baustellen und ähnlichen Hindernissen, die uns in Brüssel erwarteten – Verkehrschaos pur. Unser Busfahrer Matthias Schubert bewältigte das sehr souverän. Das war keine leichte Aufgabe, zumal unser Hotel sehr zentral in der Altstadt lag, für uns allerdings sehr angenehm für einen abendlichen Bummel.

Unser erstes Ziel in Brüssel war die Landesvertretung(LV) Hessen. Im Haus sind auch die europäischen Partnerregionen Hessens aus Italien, Frankreich und Polen vertreten. Die LV ist Bindeglied zwischen dem Bundesland Hessen und der Europäischen Union. Infos werden an die Landesregierung übermittelt, Vorschläge für Rechtsvorschriften eingeschätzt. Der stellvertretende Leiter der Landesvertretung Claus-Peter Appel betonte, dass die Bundesländer gut und konkurrenzlos zusammenarbeiten. Nach umfangreichen Informationen über Aufbau und Geschäftsbereiche fragten wir uns: Ist es wirklich notwendig, dass jedes Bundesland eine eigene Vertretung in Brüssel hat? Überzeugt davon waren die wenigsten von uns.
Wenig Zeit blieb für das Treffen mit Mitja Schulz, Lobbyist vom Verband der Automobilindustrie. Hier stand die Diskussion über den Dieselskandal im Vordergrund. Leider mussten wir die spannende Diskussion sehr bald beenden, da die Einladung zum Abendessen am Grand Place im Restaurant „La Brouette“ auf uns wartete.

Am nächsten Vormittag starteten wir voller Energie und Neugier. Mit unseren kompetenten Stadtführern Elisabetta Nervi und Sacha Seggai verschafften wir uns zu Fuß einen Überblick über die Altstadt: Der Place Grand/ Grote Markt ist der zentrale Platz Brüssels mit zahlreichen Restaurants und Hotels, die Touristenattraktion der Stadt und Weltkulturerbe. Beeindruckend das gotische Rathaus und die wunderschönen geschlossenen barocken Häuserfassaden. Natürlich durfte das Manneken Pis nicht fehlen. Von der Unterstadt ging es in die Oberstadt zur Kathedrale St.Michael und St. Gudula, vorbei an vielen verlockenden Auslagen der Schokoladengeschäfte in der Galerie de la Reine. Gut, dass wir keine Zeit zum Verweilen hatten.

Leider war der Wettergott uns nicht recht hold. Ein heftiger Hagelschauer ging auf uns nieder. Wir erlebten vier Jahreszeiten an einem Tag. Unsere Stadtführerin Elisabetta meinte, das sei für Brüssel typisch.

Nach einer Stadtrundfahrt entlang des Kanals, der Brüssel mit Antwerpen verbindet, fuhren wir u. a. zum Atomium – immer wieder Stau, Stau und noch ein Stau. Dann brachte der Bus uns ins Europaviertel. Unvorstellbar wie viele Reisegruppen dort unterwegs waren – mal schnell noch vor den Europawahlen.

Im Parlamentarium, dem Besucherzentrum des Europäischen Parlaments, informierten wir uns über die Geschichte der EU und Auswirkungen auf unseren Alltag. Die Ausstellung ist recht kurzweilig. Eine riesige interaktive Karte forderte einige von uns auf: Begeben Sie sich auf eine Entdeckungsreise durch die Europäische Union und sehen Sie, welche positiven Auswirkungen die EU für Sie persönlich hat.
Andere lauschten den Stimmen unterschiedlicher Europäer, die erklären, was Europa für sie persönlich bedeutet.

Am Besuchereingang des Europäischen Parlaments (EP) erwarteten uns zunächst wieder strenge Sicherheitskontrollen. Seinen Hauptsitz hat das Europäische Parlament in Straßburg; dort tritt es in der Regel einmal im Monat für eine Woche zu seinen Plenartagungen zusammen. In Brüssel liegt der Schwerpunkt der Ausschuss- und Fraktionsarbeit, außerdem finden dort zusätzliche Plenartagungen statt, wie an unserem Besuchstag.
Ein dynamischer Informationsvortrag durch Axel Heyer, Koordinator im Besucherdienst des EP, bereitete uns auf das Gespräch mit Gesine Meißner, MdEP, vor, einer begeisterten und begeisternden Europäerin. Sie vertrat den Abgeordneten Dr. Wolf Klinz. Sehr lebendig waren ihre Schilderungen aus dem Alltag einer Abgeordneten. Das EP ist bestrebt die Union und ihre Arbeitsweise zu verbessern. Unsinnige Bestimmungen werden teilweise wieder einkassiert, so Gesine Meißner. Von ihr erfuhren wir, was am EP besonders ist. In den Fraktionen sitzen Abgeordnete aus vielen Ländern und man muss sich länderübergreifend einigen. Frau Meißner sieht im EP mehr thematische Bündnisse als in nationalen Parlamenten. Man gehe pfleglicher miteinander um, Entscheidungen fallen in den Parlamentsausschüssen, im Parlament selbst fände ein Schaulaufen statt.

Immer wieder eine Frage: Was tut die EU für mich? Antworten sind auf der neuen Website: www.das-tut-die-eu-fur-mich.eu zu finden.
Natürlich ist der Brexit ein Thema in diesen Tagen. Frau Meißner vertritt die Ansicht, dass die EU gut auf den Brexit vorbereitet sei. Wir sind gespannt, wie es weiter geht.

Im Plenarsaal, in dem alle 751 Mitglieder des EP Platz finden, konnten wir auf der Besuchertribüne live eine Debatte mit dem schwedischen Ministerpräsidenten Stefan Löfven miterleben. Es war die Aussprache zu seiner Rede über die Zukunft Europas. Die Zeitfenster für Besuchergruppen im EP sind leider sehr kurz, gern hätten wir die spannende Debatte weiterverfolgt.
Völlig erschöpft ließen wir uns nach diesem informationsreichen Tag ins Hotel bringen, um uns später am illuminierten Grande Place zu erfreuen.

Das Haus der Europäischen Geschichte ist eine Initiative des Europäischen Parlaments. Es richtet den Blick auf den Kontinent insgesamt und bietet verschiedene Perspektiven der Geschichte Europas an. Es befindet sich im Europaviertel in Brüssel, in unmittelbarer Nähe zum Europäischen Parlament, untergebracht in dem prächtigen, frisch renovierten Eastman-Gebäude.
In den 24 Amtssprachen der Europäischen Union zeigt es die Geschichte Europas – von den europäischen Mythen und Entdeckungen, über Chaos und Kriegswirren bis hin zur allmählichen Entwicklung eines Zugehörigkeitsgefühls im Laufe des 20. Jahrhunderts. Dabei wird der Besucher angeregt, die Dinge zu hinterfragen, sich kritisch mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen und auch die Zukunft zu betrachten und zu analysieren.

Abschluss unserer Reise durch die Europäische Institutionen bildete das Besucherzentrum beim Rat der Europäischen Union. Gemeinsam mit dem EP beschließt der Rat neue Rechtsvorschriften der EU. Da er die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten repräsentiert, kann er als die Staatenkammer der EU bezeichnet werden. Die Sicherheitskontrollen waren hier besonders langwierig und wir verbrachten mehr Zeit mit Warten als uns Zeit im Besucherzentrum zur Verfügung stand. Viel wurde uns hier allerdings auch nicht geboten. Das Besucherzentrum vermittelt mit aktuellen Nachrichten Neues vom Rat, zeigt in Videos das „Haus der Mitgliedstaaten“ von innen, zeigt, wer hier arbeitet. Einige von uns testeten, wie viel sie über die EU und die Aufgabe der Institutionen wissen. Da gab es schon noch manche Lücke. Aber wir bleiben dran.

Es waren informationsreiche und anstrengende Tage, in denen uns der europäische Gedanke näher gebracht wurde. Auf der Rückfahrt waren alle davon überzeugt, man muss wählen gehen und auch noch andere Menschen davon überzeugen.

Bericht: Sigrid Geisen, Fotos: Bernd Pfeffer, Ulrich Wendt