Akademie 55plus Darmstadt - Berichte 2019

Dicke und dünne Felle

Ein spannender Besuch im Deutschen Ledermuseum in Offenbach

Auch hier hatte der Großherzog Ernst Ludwig seine Hand im Spiel: Zu dessen 25-jährigem Regierungsjubiläum 1917 wurde das Deutsche Ledermuseum in Offenbach eröffnet. Nach 102 Jahren präsentiert es sich immer noch mit neuen Ideen, wie eine Aka-Gruppe feststellen konnte. Die zwei Stunden reichten kaum aus, um die ledernen Schätzchen anzuschauen (und zum Teil auch anzufassen).

Organisatorin Ingrid Scheffler wird die Tour demnächst wieder anbieten, da schon diesmal die Hälfte der Anmeldungen auf der Warteliste landeten.

Die Museumsleiterin, Inez Florschütz war für ihre Kollegin, die im Stau steckengeblieben war, eingesprungen und sie verstand es, so fesselnd zu erzählen, dass die Zeit viel zu schnell verstrich. Gegründet wurde das Haus ursprünglich als Sammlung von historischen Vorbildern für die Ausbildung junger Handwerker und Lederwarenproduzenten. Über 30.000 Objekte verstecken sich hinter den dicken Mauern, die meisten allerdings in den hinteren Räumen, die für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Sie umfassen eine Zeitspanne vor Christus bis in die heutige Zeit. Drei Schwerpunkte haben sich herausgebildet: Angewandte Kunst, Ethnologie und Schuhwesen. Leider sind Stiefel, Stilettos und Co aber zurzeit nicht sichtbar, weil eine große Ausstellung zu diesem Thema vorbereitet wird. Sie wird im Herbst Premiere haben.

Stattdessen stehen gerade Handtaschen im Fokus, was nicht überrascht, denn Offenbach war lange Zeit die Hochburg dieses Utensils. Und wir erfuhren viele Details über die Kulturgeschichte der nützlichen Begleiter für alle Gelegenheiten. Zum ersten Mal tauchten sie im Mittelalter auf und wurden damals - Überraschung - ausschließlich von Männern getragen. Der Grund: Mit zunehmendem Reichtum brauchten die Kaufleute viele Taschen für ihre unterschiedlichen Münzen. Erst später ging man dazu über, auch in Mäntel und Hosen Taschen zu nähen. In den folgenden Jahrhunderten änderten sich die Gewohnheiten: Frauen trugen Beutel oder kleine Täschchen, die unter dem weiten Rock versteckt waren. Berühmt wurde der Pompadour-Beutel. Später wurden die Kleider enger und dünner, sodass Taschen nun außen getragen und zum Statussymbol wurden. Auf Handtaschen konnte die Dame nun nicht mehr verzichten. Sie bekamen einen Metallrahmen und wurden strapazierfähiger. Als dann das Reisen in Mode kam, änderte sich vieles, man brauchte nun feste Taschen und Koffer aus Leder. 'Ein schwerer Koffer von Vuitton ist da zu sehen. Ihm gegenübergestellt ist ein extrem leichter Shopper desselben Herstellers, wie man ihn heute benutzt, wo die meisten Leute mit leichtem Gepäck reisen möchten.

An den Handtaschen kann man erkennen, wie sich die Lebensgewohnheiten und Bedürfnisse der Frauen in den verschiedenen Jahrzehnten änderten. Da ist die Tasche aus dem 19. Jahrhundert zu sehen, in dem die Frauen ein Korsett unter dem langen Rock trugen. Bei gelegentlichen Ohnmachten musste dann das Riechfläschchen griffbereit sein und der Fingerhut, um den abgetrennten Saum rasch fest zu nähen. In den 1920er Jahren hingegen, den "Roaring Twenties" war das Ideal die mondäne Frau, die eine schicke kleine Tasche mit seitlicher Öffnung für die Kosmetik-Utensilien trug. In den 30er Jahren gab es dann schon mehr berufstätige Frauen, die praktische Taschen brauchten. Für sie wurde die Unterarmtasche mit Magnetverschluss erfunden.

Nach dem 2. Weltkrieg gab es dann andere wichtiger Anschaffungen als teure Ledertaschen. Die Produktion ging zurück, vor allem die hochwertigen Modelle wurden nur noch selten verkauft. Hinzu kam die Konkurrenz aus Asien, wo man billiger produzieren konnte. Und es kamen andere Materialien in Mode, die das teure Leder ersetzten. Bekannte Firmen wie Goldpfeil konnten sich nicht mehr halten. Aber natürlich gibt es auch heute noch Luxustaschen. Überraschenderweise ist es ein junges, griechisches Ehepaar, das besondere, sehr schlichte Taschen designt, die man dann auch schon mal bei einer Hillary Clinton im Wahlkampf sieht. Tsatses heißen sie. und so heißen auch ihre Taschen. Wer sich eine gönnen will (so ab ca. 2.000 €), der muss in einen der beiden kleinen Concept Stores gehen, wo er/ sie dann individuell vom Designerpaar beraten wird.

Oder aber man kauft sich eine Comtesse-Tasche, dann hat man etwas gemeinsam mit den Prinzessinnen der europäischen Königshäuser. Ab 4.000 € ist man dabei.

Während für die Damenwelt immer neue Kreationen geschaffen wurden, war das Interesse für Taschen bei den Männern eher gering. Der echte Mann trug halt allenfalls eine Aktentasche oder - seit Erfindung der Rucksäcke - auch unterhalb der Alpen einen praktischen Rucksack. Inzwischen sind sie generationen- und schichtenübergreifend und viele Designer haben sie in ihre Kollektionen aufgenommen.

Eins allerdings hat sich gründlich geändert: Viele Tierhäute dürfen inzwischen nicht mehr verarbeitet werden. Theo Ripper, ein Krokodiljäger der Offenbacher Gerberei, soll zwischen 1937 und 1939 über 5.000 Krokodile erlegt haben, die dann in seiner Heimatstadt weiterverarbeitet wurden. Er wäre heute arbeitslos (oder hinter Gittern), denn zum Glück gibt es inzwischen weltweit Gesetze, die ein solches Vergnügen als kriminell einstufen.

Wenn auch heute niemand mehr sein Krokotäschchen streicheln kann:
Die Möglichkeit, sich mit vielen Lederarten auch haptisch zu beschäftigen, besteht durchaus. Im dritten Stock des Hauses heißt es nämlich: Anfassen erlaubt! Dort werden in einem "Lederalphabet" von A bis Z die verschiedensten Lederobjekte vorgestellt: Von A wie Antilopenpergament bis Z wie Ziegenleder. Zu jedem Objekt gehört eine "Fühlstation" mit einem entsprechenden Objekt. Da kann man zum Beispiel eine Tasche aus sibirischem Lachsleder, ein Brillenetui aus Elefantenleder oder eine Börse aus Rochenhaut betasten. Es gibt Medientische mit umfangreichen Informationen und 64 sensorische Taststationen. So kann man im wahrsten Sinne "hautnah" erleben, wie sich das Material Leder anfühlt, von seiner feinsten bis zur härtesten Ausprägung.

Schon allein dieser Raum lohnt eine Reise nach Offenbach. Gern auch mal mit den Enkeln!

Heidrun Bleeck