Akademie 55plus Darmstadt - Berichte 2019

Der Mythos Marlene Dietrich

marlene dietrich clipartGerade läuft in der ARD die spektakuläre TV-Serie „Babylon Berlin“, die die aufregende, mitreißende, glitzernde und zugleich dekadente und abgründige Hauptstadt in den späten 20er Jahren in allen Facetten zeigt. In diesem Milieu wurde die große Marlene Dietrich (*1901, +1992) zum internationalen Star, der Weltruhm erlangen sollte; ein Star, der genauso schillernd wie ihre Geburtsstadt war.

Die Referentin Barbara Wilderotter konnte äußerst anschaulich über sie, ihr Leben, Werk und manch Hintergündiges berichten. Sie hatte - als ausgewiesene Filmexpertin - das Glück und Vergnügen, den immensen Nachlass von MD im Rahmen eines Forschungsauftrags zu sichten und zu katalogoisieren. Neben Bergen von Kleidungsstücken des Stars (z.B. 400 Paar Schuhe und Hüte), Möbel u.a. waren das rund 300.000 Blatt Schriftgut, seien es Liebesbriefe, Verträge, Einkaufszettel oder Rechnungen.

MD, die Tochter eines Polizeileutnants, wollte eigentlich Geigerin werden, wurde aber über das Ballett zur Varietetänzerin und -sängerin. Ihre legendären makellosen Beine brachten sie zur Modefotografie und zur Schauspielerei. Der frühen Heirat mit dem Regisseur Sieber folgt zwar bald die Trennung, doch der Vater ihres einzigen Kindes Maria bleibt ihr lebenslang freundschaftlich verbunden, wird sogar ihr Vermögensverwalter.

Nach immer größeren Schauspielerrollen sprach man von ihr bald als „die neue Garbo“. Der Regisseur Josef von Sternberg beschreibt sie nach der ersten Begegnung als „…so schön und so unterschätzt“. Er engagierte sie direkt als „fesche Lola“ für den Film „Der blaue Engel“. Vom Publikum wurde dieser Musik-Film begeistert aufgenommen, von der produzierenden UFA aber als „zu lasterhaft“ kritisiert. Das rächte sich: MD ließ sich kurzerhand vom Studio Paramount  in Vertrag nehmen und kehrte Deutschland für immer den Rücken.

Auf sie zugeschnittene Filme wie „Morocco“ oder „Shanghai Express“ machten  sie zur Hollywoodstar und begründeten den Mythos „MD“. Diese und weitere Filme waren nicht wirklich qualitätsvoll, aber die Zuschauer wollten nur SIE sehen - der Rest war Nebensache. Die NS-Größen konnten sie nicht zur Rückkehr nach Deutschland bewegen. Daraufhin wurde von Nazi-Seite der Hass gegen sie (die „Verräterin“) geschürt. Diese Ablehnung musste MD auch nach dem Krieg aus deutschen Landen erfahren.

Ende der 30er Jahre liess ihre Film-Glanzzeit nach, was zur Trennung von Paramount führte. Im Krieg selbst half sie NS-Flüchtlingen in Frankreich und trat an der Front bei der GI-Betreuung als Sängerin auf, immer - wie sie beteuerte - „…für, nicht gegen Deutschland !“.

Nach 1945 war die „erotische Verführung“ wie in ihren früheren Filmen für das Publikum nicht mehr glaubhaft. MD machte nach 1952 nur noch einzelne Filme wie „Das Urteil von Nürnberg“ (1961). Sie trat statt dessen in Shows auf. Kult wurden weltweit ihre „One-Woman-Shows“, in denen sie wahrlich gefeiert wurde. Nach mehreren Stürzen - ausgelöst durch ein Raucherbein - zog sie sich für die letzten 17 Jahre ihres Lebens ganz in ihre Pariser Stadtwohnung zurück. Sie wollte auch an ihrem eigenen Mythos nichts verändern: ihre Fans sollten sie nicht gealtert erleben…

Frau Wilderotter konnte weitere bemerkenswerte Details berichten: MD war außerhalb der Öffentlichkeit ein echter Kumpel; sie konnte ihren Freunden kaum eine Bitte abschlagen. Sie war zudem intelligent, immens belesen, geistig fit bis zuletzt, mit wechselnden Liebschaften, mit energischer Schrift. Aber als gute Sängerin könne man sie nicht rühmen, diese Schwäche sei in den Musikfilmen geschickt kaschiert worden.

Die schönsten Worte über MD fand sie in einem Text von deren engen, platonischen Freund Ernest Hemingway, in dem u.a. stand: „Langweilig ist sie nie“ und „Wer in Not ist, kann auf sie zählen“.

Klaus-Peter Reis